von
Chris Pyak
Der Kanton Uri, ein Mittwoch im Juni des Jahres 2036. Es klingelt an der Haustür.
“Grüezi. Wir kommen im Auftrag vom Kanton Uri, Herr Bissig. Es geht um das zehnjährige Jubiläum. Von der “Keine 10-Millionen-Schweiz” Initiative – erinnern Sie sich?”
“Natürlich. Da habe ich auch Ja gestimmt. Das Boot ist voll! Ich meine – wir sind ja in den Bergen, aber – sie wissen schon.”
“Richtig. Richtig. Ich bin da ganz bei Ihnen. Nun, die Sache ist die: Gestern haben bei uns die Zieglers, die wo da neben dem Rathaus wohnen – als die Ziegler’s die haben gestern ein Kind bekommen.”
“Ja, und?”
“Na, und mit dem Kind hat die Schweiz jetzt 10.000.001 Einwohner. Darum müssen wir jemand ausschaffen.”
“Ja, und wieso ist das mein Problem?”
“Naja. Wir waren also bei den Zieglers, um das Kind zu holen – Das hier zu behalten kostet ja Unsummen! 200.000 Franken bis zum 18. Lebensjahr! Also: Wir gehen also um das Kind zu holen – aber da weist uns der Herr Ziegler auf einen wichtigen Punkt hin:
Das Kind geht ja nach der Ausbildung arbeiten. Und wird bis zur Rente circa 3.5 Millionen Franken verdienen! Wir können doch keinen Millionär ausweisen!
“Nein, natürlich nicht. Das wäre geradezu unschweizerisch! Einen Millionär!”
“Sehen Sie – und darum dachten wir: Wir müssen jemand ausschaffen, der uns nur auf der Tasche liegt. Richtig.”
“Völlig richtig. Die ganzen Schmarotzer, die uns nur Geld kosten – die müssen weg!”
“Absolut. Also waren wir bei den Celiks und sagten denen: Sie müssen gehen. Aber die wollten nicht. Der Herr Celik fing glatt an zu weinen.
“Na, da sollten Sie sich mal nicht grämen. Man wird halt an wohltemperierten Grausamkeiten nicht vorbeikommen. Die Celiks sollen dahin gehen, wo sie hergekommen sind: Nach Deutschland!”.
“Richtig, richtig. Das haben wir der Frau Çelik auch gesagt. Aber dann hat sie uns doch zum Nachdenken gebracht. Die Frau Celik arbeitet nämlich im Supermarkt und befüllt da die Regale. Erinnern Sie sich an die Pandemie von 2028? Da waren wir wieder ohne Toilettenpapier. Und der Herr Celik – der arbeitet bei der Müllabfuhr. Erinnern Sie sich an den Gestank als die Müllmänner gestreikt haben? Kurz gesagt: Die Celiks haben ja nur ein Abitur aus Deutschland – aber wie die Pandemie gezeigt hat: Gerade diese einfachen Leute halten den Laden am Laufen. Also: Die können wir nicht abschieben.”
“Ei, in ihrer Haut möchte ich nicht stecken. Was machen Sie denn jetzt?”
“Naja. Das Kind abschieben geht nicht: Das ist ein künftiger Millionär. Die Celiks halten das Land sauber und die Läden voller Lebensmittel. Aber zum Glück haben wir uns da an Sie erinnert!
“An mich?”
“Ja, sie haben doch immer gesagt: Die ganzen Leute die uns auf der Tasche liegen – die müssen wir ausschaffen!”
“Ja, richtig – aber was hat das mit mir zu tun?”
“Na, sie sind doch jetzt in Rente gegangen. Das heißt sie leisten nix produktives. Und sie werden im Schnitt noch 20-25 Jahre lang einfach gar nix beitragen. Die Rente allein kostet uns schon rund 600.000 Franken.
“Aber ich..”
“Und dann werden sie im Alter ja wahrscheinlich immer öfter krank. Mit den ganzen Zipperlein kommen da 250.000 bis eine halbe Millionen Franken zusammen.
“Jetzt hören Sie mal!”
“Und dann die letzten paar Wochen ihres Lebens: Die Pflege für diesen kurzen Zeitraum ist der teuerste Teil ihres Lebens: Zwischen 100.000 und 300.000 Franken. Jeder Atemzug den sie dann noch rumlungern kostet die hart arbeitenden Bürger bares Geld. Darum gibt es ja jetzt auch die Debatte über die Sterbehilfe.
“Das ist doch…”
“Ich sehe schon Sie verstehen: Na, Herr Bissig: Jetzt packen sie mal ihre Siebensachen zusammen. Wir haben für Leute wie sie ein schönes Lager in einem dritte Welt Land. Waren Sie schon einmal in Sachsen?”
Anmerkung der Redaktion: Es kam zu weiteren “wohltemperierten Grausamkeiten” als Herr Bissig aus der 90 Quadratmeter Wohnung gezerrt wurde, die er seit dem Tod seiner Frau allein bewohnte. Augenzeugen berichten wie die Beamten einander dazu gratulierten dass nun genug Wohnraum für zwei durchschnittliche Schweizer verfügbar wurde.